Lena Jensen wurde im Alter von 2 bis 6 Jahren sexuell missbraucht. Heute nutzt sie ihre Stimme (u.a. auf Instagram), um Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen. In unserem Podcast „Ehrlich gesagt“ hat Lena mit Nora darüber gesprochen, warum das Schweigen Täter schützt, was Eltern tun können, um ihre Kinder zu stärken, und wie sie es geschafft hat, sich ein Leben voller Liebe und Vertrauen zurückzuerobern.
Hier könnt ihr die ganze Folge hören:
Und hier könnt ihr lesen, wie es sich nach dem Erlebten für Lena anfühlte, selbst Mama zu werden:
„Ich hatte immer Angst vor der Geburt. Weil ich befürchtete, dass es mich triggert, wenn es wehtut.
Ich habe es mir immer offen gehalten, ein Kind zu bekommen: ,Es ist okay, wenn ich keines bekomme. Wenn ich eines bekomme, ist das auch schön.` Lukas wollte unbedingt ein Kind und deswegen haben wir uns irgendwann sehr viel damit auseinandergesetzt. Ich habe mich dann ja letztendlich auch dafür entschieden, aber wie gesagt: Ich hatte große Angst vor der Geburt. Deswegen habe mich dann auch mit verschiedenen Hypnosen etc. für eine friedliche Geburt und ähnlichem auseinandergesetzt, um mich zu entspannen. Das war natürlich ganz viel Psyche bei mir – aber ich wusste auch, dass Menschen, die Missbrauch erlebt haben, vor allem über so einen langen Zeitraum und in so einem jungen Alter, oft Vernarbungen haben. Und ich weiß, dass auch ich Vernarbungen habe und dass mein Becken verhärtet ist. Das macht einfach Komplikationen bei einer Geburt und oftmals kann man dann nicht vaginal entbinden. Das wollte ich aber unbedingt! Ich habe dann ganz viele Übungen gemacht.
Bei der Geburt war es dann so, dass mein Sohn festhing im Becken, aber schon zu weit unten war, um ihn mit einem regulären Kaiserschnitt zu holen. Man hätte ihn dafür quasi wieder hochschieben müssen. Ich lag da aber schon rund zwei Tage in den Wehen. Deswegen wurde mir gesagt, wir müssen jetzt einen Notkaiserschnitt machen oder ihn mit der Saugglocke und dem Kristeller-Handgriff holen.
Ich hatte mich vorher gut informiert. Und ich habe mich dann dafür entschieden, es mit der Sauglocke zu machen, weil ich ihn unbedingt vaginal gebären wollte. Die Ärzte waren so gut! Das hätte mich so triggern können, denn es waren zwei Männer und es war wieder in meinem Genitalbereich. Und dann noch jemand auf mir drauf beim Kristeller-Griff, der ja auch Gewalt ausübt, strenggenommen. Aber es war irgendwie so ein krasses Zusammenspiel. Sie haben gesagt: ,So, jetzt machen wir es alles alle gemeinsam.`
In dem Moment, als sein Kopf draußen war, war es wie eine ,Heilung` für mich. Ich kann es gar nicht erklären.
Es ist total komisch, weil ich überhaupt nicht an sowas glaube! Aber es war so ein krasser, kraftvoller Moment. Lukas hat auch gesagt, er hat mich noch nie so gesehen. Es ist bestimmt bei vielen Frauen so, es ist so ein stärkender Moment.

Lena Jensen klärt über Kindesmissbrauch auf. Foto: privat
Der Kopf war also draußen – und dann ging es nicht weiter. Er hing mit den Schultern fest. Bis dahin war ich trotz Saugglocke nicht gerissen. Durch seine verkanteten Schultern hatte ich dann einen Dammriss Grad 3. Es war komplett alles aufgerissen und musste genäht werden. (Anm.d.Red.: Hier findest du alle Infos zu Geburtsverletzungen.)
Ich wollte bei dem Kleinen bleiben und auch keine Narkose. Denn das hat mich wirklich getriggert: Sediert werden und dann wird da etwas in meinem Genitalbereich gemacht? Das wollte ich nicht. Dann lieber bei Bewusstsein. Es tat megaweh und das war nicht so schön für mich… Aber die Geburt, obwohl ich so Angst davor hatte, würde ich immer wieder genauso machen.
Ich hatte dem Klinik-Team vorab gesagt, dass ich in der Kindheit missbraucht wurde. Und alle haben super traumasensibilisiert gearbeitet und waren richtig, richtig toll.
Jetzt ist unser Sohn 15 Monate alt. Und ich finde, dass Aufklärung schon im Säuglingsalter anfängt. Ich habe ja vorher keine Erfahrung darin gehabt, aber ich habe gesehen, dass er ganz klare Signale sendet, was er will und was er nicht will. Und wir haben ihn einfach total darin unterstützt, dabei zu bleiben, zu sagen, was er möchte und was er nicht will und darauf auch einzugehen, dann aufzuhören. Das ist, glaube ich, das Wichtigste: die Grenzen zu wahren.
Wenn es um lebensnotwendige Sachen wie Essen, Trinken und Sauberkeit geht, dann schauen wir natürlich, dass da alles richtig läuft. Aber auch da finden sich Wege, das auf so eine schöne Art und Weise zu gestalten und viel zu kommunizieren von Anfang an.

Lena Jensen Foto: privat
Was ich auf jeden Fall machen werde, ab einem gewissen Zeitpunkt, wenn ich das Gefühl habe, er ist soweit: Ihm sagen, dass es das gibt. Also, dass es sexualisierte Gewalt an Kindern gibt, dass das Menschen machen. Auch Erwachsene.
Und dass es verboten ist, dass es auch alle Erwachsene wissen, dass es verboten ist!
Ich weiß, dass viele denken: Aber dann hat das Kind doch nachher ständig Angst davor! Aber das Kind hat keine durchgehende Angst, das ist wieder so eine Begrenzung im Kopf bei diesem sensiblen Thema, die wir uns selbst setzen. Wir haben ja beispielsweise auch Angst davor, dass ein Kind überfahren wird – das ist das Schlimmste, was wir uns vorstellen können. Und trotzdem erklären wir hier ja dem Kind, guck nach rechts und links, bevor du über die Straße gehst. Denn sonst kann dich ein Auto überfahren! Das ist doch im Grunde genommen sehr ähnlich.
Mir hätte das damals wirklich geholfen, wenn mir schon jemand erzählt hätte, dass es so etwas wie sexuellen Missbrauch an Kindern gibt. Es hätte sicher nicht den gesamten Übergriff verhindert, aber ich hätte vielleicht nach dem ersten Mal schon sagen können, hier passiert was, was verboten ist, das weiß ich, das hat meine Mama mir gesagt!
Wichtig ist auch, dass die Geschlechtsteile von Anfang an richtig benannt werden. Und die Grenzen wahren, also auch die körperlichen Grenzen zu anderen. Und den Kindern dasselbe vorleben, also zeigen, dass man selber Grenzen hat, dass man selber manches nicht möchte und dann auch nein sagen darf.
Und man sollte sagen, dass Erwachsene eben nicht immer Recht haben und sich auch entschuldigen für die eigenen Fehler. Dass man es auch hinterfragen darf, das Verhalten von Erwachsenen.
Das sind Dinge, mit denen man einen guten Grundstein legen kann.
Das ist wichtig, denn man kann sein Kind leider nicht zu 100 Prozent schützen. Im Grunde genommen könnte man das nicht einmal, wenn man es zu Hause einsperren würde, weil oft ist auch der Vater der Täter ist oder der Bruder.“
Weitere Infos von Lena darüber, wie man sein Kind schützen kann und auch, wie man ihm hilft, wenn es betroffen ist, findet ihr im Interview mit meiner Kollegin Wiebke.
Und für alle, die Lust haben, mehr zu erfahren:
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Danke, liebe Lena, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast! Wir wünschen dir alles Liebe für die Zukunft mit deiner Familie.
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